Die Frau mit dem Schreibblock

Eine Kolumne

29.04.2019

Der Historiker und Schriftsteller Golo Mann hat gesagt: "Wer die Vergangenheit nicht kennt, wird die Zukunft nicht in den Griff bekommen."Ich hoffe, dass diese Zeitreise dazu beiträgt Dir - dem jungen Menschen - die Zukunft in den Griff zu bekommen. In den Älteren unter euch möchte ich Erinnerungen wachrufen, an die ihr gerne zurück denkt. So möchte ich euch gerne an meinem Leben teilhaben lassen. Weil ich immer alles Wissenswerte auf einem Schreibblock notierte, nenn mich einfach: "Die Frau mit dem Schreibblock".

Beginnen will ich mit meinem Ur- Urgroßvater, der einer Winzerfamilie aus Altenahr entstammte und das 8. Kind von 9 Geschwistern (3 starben im Säuglings- bzw. im Kindesalter) war. Über den Werdegang bis zu seinem Eintritt ins staatliche Lehrerbildungs-Seminar in Trier St. Matthias kann ich nichts sagen. Man darf aber davon ausgehen, dass es sich bei dem jungen Winzerssohn um einen durch Begabung auffallenden Jungen gehandelt haben muss. Was später Tätigkeitsberichte bestätigen Pfarrchronik des Pfarrers Volk, Schulakten des Landesarchivs Koblenz). Wie anders sollte er ansonsten aus einfachen Lebensverhältnissen einer kinderreichen Winzersfamilie den Ausbildungsweg an einem weit entfernten Lehrerseminar gefunden haben? Für bestehende ländliche Schulen war um diese Zeit noch eine im Kurzlehrgang in Koblenz oder gar am Ort selbst angelernte Lehrkraft die Regel (s. Auszug aus der Pfarrchronik des Pfr.Volk: Elementarschulen der Erzdiözese Trier).  Möglicherweise wurde der Junge auf Grund seiner Begabung vom Pfarrer seines Heimatortes für den Eintritt in das Lehrerseminar in Trier vorbereitet. Zur Aufnahmeprüfung dieses Lehrerbildungsinstitutes wurden zugelassen: "Junge Leute, die Beruf zum Lehramt in sich spüren, das Alter von 17 Jahren erreicht und von 27 noch nicht überschritten haben und sich eines geraden Gliederwuchses und einer festen Gesundheit vom Leibe so wie eines offenen Kopfes und heiteren Gemütes erfreuen, mit dem üblichen von dem Herrn Pfarrer und Herrn Bürgermeister ausgestellten und verschafften Zeugnissen. " (Landesarchiv Koblenz).

Die 2 jährige Ausbildung am Königlichen-Schullehrer-Seminar zu St. Matthias bei Trier 1824 - 1826 endete mit der öffentlichen Prüfung der 22 Kandidaten am 13. September 1826 im Deklamations-Saale des Collegiums zu Trier. Eine 1. Prüfung war nach Ablauf des 1. Ausbildungsjahres abzulegen in den Fächern: Religion, Mathematik, Geschichte, von dem Schulamte, Deutsche Sprache, Naturkunde, Gesang. Die Prüfungskommission hatte den Grad der Brauchbarkeit nach einem Drei-Stufen-System zu beurteilen - I II III. Über das Resultat der Prüfung stellte die Prüfungskommission keine Atteste aus, nur in einzelnen Fällen wurden auf Verlangen Zeugnisse erteilt (Landesarchiv Koblenz).

Mein Ur-Urgroßvater, der Elementarlehrer fand schon bald - 1826 - seinen Wirkungskreis und wurde 1828 in diesem Amte definitiv bestätigt (Amtsblätter der königl. Reg. zu Coblenz, Dez. 1828, Kreisachiv Ahrweiler). Aus Unterlagen der am 9. April 1829 zu Ahrweiler stattgefundenen "General-Schullehrer-Conferenz" wird ersichtlich, dass er zum Conferenz-Lehrer des Schulamtes Ahrweiler ernannt wurde, zuständig für das Fach Rechnen im Conferenz-Bezirk Walldorf. Der Conferenzbezirk Walldorf umfasste die Ortschaften: 1) Walldorf, 2) die ganze Pfarrei Niederzissen, 3) Königsfeld, 4) Sinzig, 5) Oberbreisig, 6) Niederbreisig, 7) Brohl, 8) Gönnersdorf, 9) Franken (Landesarchiv Koblenz).

Großer Eifer in der Wissensvermittlung schein kennzeichnend für ihn gewesen zu sein. In Anerkennung besonderer Verdienste wurde ihm im September 1842 ein Königlich - Preußischer - Orden verliehen: Das allgemeine Ehrenzeichen.

In der Pfarrgemeinde hatte er die Aufgabe des Organisten zu erfüllen. Es gab im Zusammenhang mit dieser, dem Schulamt verbundenen Tätigkeit, wie belegt, Probleme engherzigen Verhaltens der Dorfbewohner. Von jeder Haushaltung war für den "Küsterdienst" die Abgabe eines "Brodes" vorgesehen. Er wollte erwirken, statt des Brotes eine entsprechende Menge Korn - 6 Pfd. - abzugeben. Er stieß auf Widerstand. Die Durchsetzung des Ansinnens konnte auf Ortsebene nicht erreicht werden, weshalb der "Königliche Landrath zu Ahrweiler" sich mit dem Vorgang beschäftigen musste. In einem Antwortschreiben des Landrates an den Bürgermeister zu Königsfeld vom 10. Januar 1829 ist sein Einverständnis mit dem Änderungswunsch des Lehrers festgehalten. Auch er sieht darin eine wesentliche Verbesserung, die aber der Zustimmung der Leistungspflichtigen bedarf. Da sie versagt wird gibt der Rat, den Vorschlag nicht aufzugeben, sondern einstweilen beiseite zu legen, bis günstigere Verhältnisse eintreten. "Es scheint, dass Eigensinn dabei im Spiele ist, der mit der Zeit vielleicht behoben werden kann!" Landesarchiv Koblenz). Eine interessante Feststellung bezüglich der Mentalität der Ortsansässigen.

Mein Ur- Urgroßvater heiratete im Oktober 1829 zum 1. Mal. Aus diese Ehe gingen 2 Kinder hervor, von denen eines früh verstoben ist. Nach 7 Ehejahren verstarb seine Frau und hinterließ ihrem Ehemann einen 3 jährigen Sohn, meinen nächsten Urahn. Noch im gleichen Jahr heiratete er zum 2. Mal. Nun gesellte sich zu dem 3 jährigen Sohn im Laufe der Jahre 7 Halbgeschwister von denen 2 im Kleinkindalter starben. Er bezog ein Gehalt von 150-160 Thalern und von jedem Kind 2 Sgr. 4 Pfg. monatlich - für damalige Verhältnisse kein geringes Einkommen. Um die wachsende Familie jedoch ausreichend ernähren zu können, befasste er sich neben den lehramtlichen Aufgaben und der Tätigkeit als Organist mit Landbau. Zur Landarbeit wurden aber Hilfskräfte herangezogen. Fleiß und Tüchtigkeit verschafften ihm Ansehen. Er konnte ein eigenes Haus erwerben, welches auch noch mein Elternhaus war. 2023 wird es 200 Jahre alt. 

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