Die Frau mit dem Schreibblock

Eine Kolumne - Ausgabe 2

07.06.2019

Mein Urgroßvater betätigte sich ausschließlich mit Landwirtschaft und der Führung eines Gastbetriebes für durchreisende Kaufleute. Er heiratete 1860 eine nach mündlichen Berichten liebenswerte, warmherzige Frau. Von den 7 Kindern dieser Ehe starben 3 Töchter im Säuglingsalter.

Die Erste der Kinder heiratete 1881 nach Niederbreisig. Der Älteste der drei Söhne - mein Großvater- übernahm später den elterlichen Betrieb und war ab 1882 der erste Postagent der neu gegründeten Postagentur. Für die Landwirtschaft, Drescherei und Ziegelei hatte er fest angestellte Arbeitskräfte. Sein Bruder betrieb Landwirtschaft. Der Jüngste der Brüder war als Kaufmann tätig, erst in Karlsruhe, später in Köln. Er war Generalvertreter einer großen Firma und sehr viel auf Reisen.

Die Zissener Verwandtschaft lieh meiner Mutter die passende Garderobe, um die vornehme Verwandtschaft in ihrer Villa auf der Marienburg in Köln zu besuchen. Der Onkel hatte zwei Töchter von denen die Ältere Mathematik studierte. Nebenfächer waren Physik und Chemie. Sie promovierte sogar.  Für die damalige Zeit recht ungewöhnlich.

Mein Großvater führte mit Fleiß, Umsicht und Geschick die schon erwähnten verschiedenen Geschäfte und brachte es zu Wohlstand, von dem die Inflation - 1923 - vieles zerstörte. Er konnte seine Kinder von den Zinsen studieren lassen. 130.000 Goldmark stellte er als Kriegsanleihe zur Verfügung und baute ein Gasthaus mit Fremdenzimmern, das er 1910 verkaufte. Die Inflation hatte einen armen Mann aus ihm gemacht.

Seine Frau, die er 1890 geheiratet hatte, starb 56-jährig an einer Lungenentzündung. Sie war die Tochter einer angesehenen Familie aus Linz am Rhein, die zweite von 12 Geschwistern, deren zwei im Säuglingsalter starben. Der Großmutter ist es gewiss nicht leichtgefallen, die Aufgeschlossenheit des wohlhabenden Elternhauses im anmutigen Rheinstädtchen gegen eine Umgebung herberer Art im abgelegenen Eifeldorfe einzutauschen. Die kraft- und humorvolle Persönlichkeit ihre Gatten schaffte den Ausgleich und war Stütze in der Um- und Eingewöhnung. En großes Hauswesen musste samt Dienstboten geführt werden. Die vielfältigen Aufgaben, die wachsende Familie, forderten ganzen Einsatz. Großmutter regierte mit energischer Hand. Sieben Kinder hat sie zur Welt gebracht, zwei davon starben früh. Ihre Schwiegermutter verlebte ihren Lebensabend im Altenteil des Hauses und beschäftigte sich viel und gern mit den heranwachsenden Enkelkindern. Das bedeutete Entlastung und große Freude besonders bei meinem Vater. Sie flickte nicht nur die zerrissenen Hosen, sondern hielt auch die Strafe ab. Mein Vater verehrte sie bis ins hohe Alter.

Vaters einzige Schwester war kränklich und starb im Alter von 42 Jahren. Der Zweitgeborene hatte eine robustere Natur. Er besuchte nach der Grundschule das Gymnasium in Andernach und machte dort sein Abitur. Der erste Weltkrieg setzte dem hoffnungsvollen leben ein frühes Ende.  Im zweiten Kriegsjahr, am ersten Oktober 1915 ist er bei Ville-súr-Tourbe gefallen.

Der zweite der Söhne war von stiller Art, sehr begabt und zielstrebig. Zweimal konnte er in der Grundschule eine Klasse überspringen. Schon früh fühlte er sich zum Priesterberuf hingezogen. Die Eltern erfüllten seinen Wunsch und brachten ihn 1907 in das Internat der Hünfelder Oblaten nach St. Karl in Valkenburg, Holland. Das humanistische Gymnasium konnte er mit einem guten Reifezeugnis verlassen und bald nach dem Abitur - 1913 - wechselte er über in das Noviziat der Oblaten nach St. Gerlach bei Valkenburg. Im Anschluss daran begann er mit dem Studium der Philosophie und Theologie. Infolge der Kriegsereignisse von 1914 musste er das Studium unterbrechen, wurde 1915 zum Militärdienst herangezogen und kam zum Augusta Regiment nach Berlin Tempelhof. Von dort aus folgte der Fronteinsatz als Sanitäter für die restlichen Kriegsjahre. Nach der Kapitulation setzte er sein Studium fort und wurde 1922 - am zweiten Juli zum Priester geweiht. Am neunten Juli feierte er in seinem Heimatort die Primiz. Im darauffolgenden Jahr ging er als Missionar nach Süd-West-Afrika heute Namibia. Er wurde beauftragt mit der Neugründung einer Missionsstation im Ovamboland. Er lernte die Sprache der Obambo und ging dann mit gewohntem Elan an die schwierigste Aufgabe. In Ukúambi, heute Oshikuku - baute er die Station St. Theresia auf, jetzt die größte Missionsstation des Ovambolandes mit großem Krankenhaus und einer Schwesterngemeinschaft mit Noviziat. Die Strapazen im Tropenklima des afrikanischen Buschlandes unterhöhlten seine Gesundheit. Nach kurzer Zeit seiner Tätigkeit bei den Ovambo erlag er einer Lungenentzündung und der Malaria, am 22. Juni 1925. Mein Großvater hat diesen Verlust nicht lange überlebt, er trug schwer daran. Die Mutter war schon 1922 verstorben.

Der jüngste Bruder meines Vaters wollte auch heraus aus den schwierigen Verhältnissen der Nachkriegsjahre und an fremden Ufern sein Glück versuchen. Ihn reizten die Vereinigten Staaten Nordamerikas. Im Juli 1923 schiffte er sich ein. Drüben arbeitete er in verschiedenen Branchen, zuletzt als Kaufmann. Er heiratete eine Amerikanerin irischer Abstammung. Die große Entfernung, politisch gespannte Lage und lange Kriegsjahre waren dem engen Familienkontakt von hüben nach drüben nicht dienlich. Nach dem zweiten Weltkrieg kam er mehrmals in die alte Heimat zurück zu kurzen Besuchen, einmal mit seiner Frau. Seine drei Kinder lernten bisher nicht die Heimat ihres Vaters kennen.

Wie es weitergeht, erfahrt Ihr in der nächsten Ausgabe.

Bis dahin alles Gute von Eurer "Frau mit dem Schreibblock".

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