Die Frau mit dem Schreibblock

Eine Kolumne, Ausgabe 3, Juli 2019

10.07.2019

Der dritte Sohn - mein Vater - hatte ein lebhaftes Naturell mit ausgeprägter Willensstärke. Der Einfluss des älteren Bruders mag dazu beigetragen haben, dass die Eltern den aufgeweckten Knaben nach dem Besuch der Grundschule ins gleiche Internat, nach Valkenburg brachten, in dem sein Bruder schon einige Jahre war. Leider musste er mit dem Beginn des ersten Weltkrieges Holland verlassen. Er hatte erst die Quarta absolviert. In der sich im Kriegszustand befindenden Heimat war es für ihn schwierig, ohne einen richtigen Schulabschluss Fuss zu fassen. Er wurde dann noch zum Militärdienst einberufen. Nach dem Krieg sah Vater erst recht wenig Fortbildungschancen in Deutschland und ging nach Südamerika - Argentinien. Dort konnte er sich in einigen Jahren eine gute Position im Exporthandel erarbeiten. Die Todeskrankheit der Mutter rief ihn Ende 1922 nach Hause. Es war seine feste Absicht gewesen, nach Südamerika zurückzukehren. Jetzt aber- nach dem Tod der Mutter galt es, zunächst dem Vater Stütze zu geben. Er übernahm weitgehend die Geschäfte seines Vaters. In dieser Zeit lernte er meine Mutter kennen. Sie zeigte keine Neigung, in das ferne Land mitzugehen. Vater arbeitete fortan in seinem Heimatort als Kaufmann und Posthalter und lebte für seine Familie. In den Zeiten der Nazidiktatur mag er den Entschluss in Deutschland geblieben zu sein, oft bereut haben. Sein gradlinieen Charakter, seine Weitsicht mussten zwangsläufig mit den braunen "Machthabern" in Konflikt geraten. Ungebrochen hat er die Last jener Jahre dank seiner Charakter- und Willensstärke durchgestanden. Und was Haltung bedeutet, zeigte sich vor allem in seinen kranken Tagen. Kein bequemes Leben! Mein Vater hatte das elterliche Anwesen übernommen und übte (siehe Oben) die Berufe des Kaufmanns und des Posthalters aus. Meine Mutter unterstütze ihn nach Kräften. Sie heirateten 1923. 

Mutter war das Älteste von 8 Kindern, von denen eins im Säuglingsalter verstarb. Die Eltern von Mutter betrieben Landwirtschaft. Von früh auf wurde Mutter daher vertraut mit den Pflichten einer großen Familie und der harten Arbeit des Ackerbaubetriebes mit Viehwirtschaft. Sie musste fleißig zupacken, eine spürbare Hilfe schon in Kindertagen. Sie erzählte oft, dass sie schon mit 8 Jahren Essen zubereitet und ins Feld gebracht hat. Sie war eine gute Schülerin und wäre gerne Lehrerin geworden. Pfarrer und Lehrer wurden deshalb bei den Eltern vorstellig. Es fehlten einfach die Mittel ihren Wunsch zu realisieren. Sobald sie mit dem Nachwachsen der Geschwister zu Hause entbehrlich wurde, nutzte sie die Chance, Haushaltsführung und Kochen von Grund auf zu lernen. dazu verbrachte sie einige Jahre in Bad Neuenahr Maria-Hilf, damals noch Damenstift. Mutter erinnerte sich gerne der unbeschwerten, glücklichen Zeit bei den Ordensschwestern, unter gleichaltrigen "Haustöchtern".

Der eigenen Familie kamen die Erfahrungen dieser Jahre später sehr zugute. In ihrer neuen Heimat wuchs und mehrte sich das Kindervölkchen, sieben waren es an der Zahl. Neben Vaters streng energischer Art prägte Mutter auf ihre gütige, stille Weise die Entwicklung der so unterschiedlich veranlagten Sprösslinge. Nazizeit, Kriegs- und Nachkriegsjahre forderten ein hohes Maß an Bewährung unseren Eltern ab, schafften aber eisernen Zusammenhalt. Zwei ihrer Töchter starben im Alter von 19 Jahren. Die Älteste hatte das Schneiderhandwerk erlernt. Eine nicht rechtzeitig erfolgte Blinddarmoperation - verzögert durch Bombenalarm - hatte tödliche Folgen. Im Oktober 1944 ist sie gestorben.

Mein Bruder sah im Postdienst Aufgaben. Er wurde von der Lehrzeit weg zum Kriegsdienst - Arbeitsdienst, Wehrmacht einberufen. Sehr krank kam er 1945 aus der Gefangenschaft zurück und verstarb im Januar 1946 zu Hause, knapp 1 1/4 Jahr nach seiner älteren Schwester. Die zweitälteste Schwester hatte viele gesundheitliche Probleme zu bewältigen. Diese Erfahrungen führten zu dem ihr gemäßen Beruf in der Behandlung kranker Menschen. Nach dem Fachstudium in München wirkte sie 20 Jahre an den Universitäts-Kliniken Köln und war leitende Ergotherapeutin an der orthopädischen Universitätsklinik. Sie ist vor 10 Jahren gestorben.

Der nächste der Brüder zeigte schon früh musikalische Begabung. Den prägenden Wegbereiter für das spätere Musikstudium in Köln und Oxford fand er in Pater Anselm, Organist in Maria Laach. 1967 promovierte er in Köln. Journalistisch betätigte er sich mit vielen Fachbeiträgen in renommierten Zeitungen und Zeitschriften und arbeitete als Kulturredakteur beim WDR -  Fernsehen. Er ist mit einer Kinderärztin verheiratet und hat zwei Kinder.

Eine meiner Schwestern blieb bei den Eltern. Von Mutter übernahm sie die Poststelle, konnte durch die räumliche Nähe ihres beruflichen Aufgabenbereiches den Eltern immer helfend zur Seite sein. Nach Vaters Tod 1965 galt ihr ganzes Umsorgen der Mutter, solange sie lebte. Das Stammhaus war immer offen für die ganze Familie.

ich wurde Kindergärtnerin - mein Traumberuf. In der Frauenfachschule bei den Borromäerinnen in der Marienburg in Vallendar machte ich Mittlere Reife für soziale Berufe und besuchte anschließend das Kindergärtnerinnen Seminar auf der gleichen Schule. ich wollte noch Jugendleiterin (Heimleiterin) werden, doch dem kam mein Mann zuvor. 1960 gründeten wir unsere eigene Familie. Mit Ehemann und drei Kindern bewirtschafteten wir einen Bauernhof, den ich heute in die Hände der Nachkommen übergeben habe.

Mein jüngster Bruder begeisterte sich nach der Handelsschule für den Postdienst. Über Etappen bei Postämtern in Andernach, Mayen, Remagen und Berlin wechselte er nach Wiesbaden und war dort als Diplom Verwaltungswirt beim Hauptpostamt tätig. Er hat zwei Kinder aus erster Ehe und ist mit einer Erzieherin verheiratet.

In meiner Kinder- und Jugendzeit habe ich mich viel mit dem Postwesen beschäftigt. Hat euch diese Familiengeschichte gefallen? Wenn ja, so sollt ihr im nächsten Bericht etwas von der Gesichte der Post erfahren.

Bis dahin alles Gute von Eurer "Frau mit dem Schreibblock".

 

 

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